Am vergangenen Sonntag, dem Welfrauentag, trafen sich die hessischen Jusos zu ihrem diesjährigen Basisratschlag in der Gießener Kongresshalle, um jenseits von Vorstandssitzungen politische Themenfelder zu erarbeiten und Inhalte auf die eigene politische Agenda zu setzen.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin der SPD Landtagsfraktion, MdL Lisa Gnadl, eröffnete den Konferenztag mit einem bewegenden und engagierten Vortrag zur frauenpolitischen Situation in Hessen und zur Rolle der Frauen in der eigenen Partei. Dabei wurden vor dem Hintergrund der gerade im Bund beschlossenen Einführung einer Frauenquote für Vorstände von DAX-Unternehmen auch zahlreiche Mängel bei der Gleichberechtigung angesprochen. Darunter exemplarisch der Fall einer Teilnehmerin, die als Besucherin des Hessischen Landtages auf ungläubiges Staunen sties, als sie das Landtagspersonal nach einer Wickelmöglichkeit für ihr Baby fragte. Im öffentlich zugänglichen Bereich des Landtages existiere schlicht keine Wickelmöglichkeit, nur in einigen wenigen Büros von Abgeordneten sei so etwas möglich, wurde ihr gesagt.

Lisa Gnadl, selbst Mutter zweier Töchter, kennt diese Probleme aus eigener Erfahrung nur zu gut. Sie berichtete von ihren eigenen Schwierigkeiten als neue Abgeordnete und junge Mutter ein Büro im Landtag zu ergattern, was groß genug für einen Wickeltisch gewesen sei. Ihr Fazit: Gleichberechtigung auf dem Papier liest sich zwar gut, in der Realität sieht die Sache leider noch immer oftmals anders aus. „In Sachen Gleichberechtigung gibt es noch viel zu tun. Die SPD hat dazu sowohl im Bund als auch im Land eine klare Position. Jetzt müssen wir gemeinsam dafür kämpfen, dass die konservativen Kräfte von CDU und CSU endlich ihr Frauenbild aus den 1960er Jahren ablegen. Frauen verdienen bei gleicher Leistung zu oft deutlich weniger als Männer und die Gefahr von Altersarmut wird leider oftmals ganz konkret – gerade für Frauen.“, betont der Juso-Landesvorsitzende Pascal Barthel.

In drei weiteren Themenblöcken diskutierten die Jusos anschließend. Neu auf der Agenda des SPD-Nachwuchses fand sich das Thema Tierrechte / Tierschutz. „Neben unseren Kernkompetenzen in Bildungs- und Kommunalpolitischen Fragen, haben wir uns bewusst dafür entschieden mit diesem Block ein neues Thema grundsätzlich zu diskutieren.“, erklärt der Juso-Landesvorsitzende Pascal Barthel.

Der von den beiden Vorstandmitgliedern Tabea Heipel und Viktoria Kamens geleitete Workshop war sehr gut besucht. Nach einem Impulsvortrag von Stefan Sander, Mitinitiator von „Sozis für Tiere“ wurden in Arbeitsgruppen Ideen erarbeitet und über eigene Handlungsmöglichkeiten bei den Themen Massentierhaltung, Produktion und Konsum von tierischen Erzeugnissen, Wildtierverbot im Zirkus und kommunale Verantwortung nachgedacht. Der Landesvorstand wird daraus Anträge für die Landeskonferenz der JUSOS Hessen entwickeln.

Über die Zukunft der beruflichen Bildung diskutierte eine zweite Workshopgruppe. Anhand aktueller Zahlen zeige sich, dass sich immer weniger junge Menschen für eine Ausbildung im dualen System entschieden. „Eine Ausbildung ist für junge Menschen zunehmend unattraktiv. Ihr fehlt die gesellschaftliche Anerkennung, die berufliche Aufstiegsperspektive und eine System angemessene Vergütung.“, sagt Oliver Schmolinski, nordhessischer Juso-Vorsitzender und Mitglied des Juso-Landesvorstandes. Die duale Ausbildung stelle für die Jusos einen Garant für gut qualifizierte Fachkräfte dar, daher forderten sie eine flächendeckende Mindestvergütung und deutliche attraktivere Arbeitsbedingungen für Auszubildende. Zudem müsse AbsolventInnen einer Ausbildung die Weiterbildung an Fachschulen und Hochschulen unentgeltlich ermöglicht werden.

Am Nachmittag trafen sich die Teilnehmenden für eine Podiumsdiskussion zum Thema Politik- und Parteienverdrossenheit. Mit der Gießener Landesschulsprecherin Fevzije Zeneli und Julika Eidam, der stellvertretenden Vorsitzenden der Jugend der Gewerkschaft Deutscher Beamtenbund Hessen, war das Podium mit zwei Vertreterinnen von Organisationen besetzt, die zwar thematisch mit den Jusos öfter zu tun haben, aber deren Mitglieder in der Regel nur selten einer Partei angehören.

David Wade, Mitglied des Juso-Landesvorstandes, moderierte die Talkrunde und versuchte gemeinsam mit den Zuhörerinnen und Zuhörern herauszufinden, wo die Gründe für Politik- und Parteienverdrossenheit liegen und warum Jugendliche sich oftmals zwar politisch, aber nicht in Parteien engagieren wollten. Auch die Rolle der sozialen Netzwerke wurde thematisiert und die These aufgestellt, dass allein die Tatsache, dass man für seine Meinung in sozialen Netzwerken sehr schnell und dauerhaft kritisiert werden könne dazu beitrage, dass man sich lieber nicht zu einer Meinung, einer Parteienpräferenz oder einer Diskussion hinreißen lasse, wenn man sich dadurch digital angreifbar mache. „Spannend war auch die aufgeworfene Frage nach dem Mehrwert Mitglied in einer Partei zu sein. Wir bieten den Interessierten an, aktiv an demokratischen Prozessen teilzunehmen und Gesellschaft zu gestalten. Allerdings stellt sich die Frage, ob diese Argumente heute noch ausreichen, um Menschen für politische Arbeit zu gewinnen.“, sagt Juso-Chef Barthel.